Der Spirit - 1977

Der Spirit (1977)
Der Spirit (1977)

 

Einzelheft: Der Spirit

Zeichner/Texter: Will Eisner

Es war das Jahr 1977.  Ich war 13 Jahre alt. Mit meinem Fahrrad -selbstverständlich mit einem Bananen-Sattel- fuhr ich den kurzen Weg zu unserem kleinen Kaufhaus um die Ecke. Der erste Stock beherbergte die Kinderspielzeugsachen, Elektroartikel, Kleidung, Schuhe und Schallplatten. Im Erdgeschoss war die Lebensmittelabteilung. Diese nahm etwa die Hälfte der Gesamtfläche des Kaufhauses ein. Aber die andere Hälfte teilten sich Leder- und Schreibwaren-, Foto- sowie die Zeitschriftenabteilung. Letzteres war mein Ziel. Hier war ich mehrmals in der Woche. Immer gleich nach der Schule.

 

Es war für mich ‚normal‘, dass ich Comic-Händler aufsuchte. Sei es der Zeitschriftenkiosk oder eben auch das kleine Kiez-Kaufhaus. Ich stöberte dort gerne nach neuen interessanten Comics…

 

… und habe diese dann vor Ort sogleich verschlungen. Denn so viel Taschengeld bekam ich nicht, dass ich meine Sucht damit vollständig finanzieren konnte. Diesmal aber war etwas anders. Gleich neben Phantom, den Walt Disney TaschenbüchernLucky LukeAsterix und Obelix wie auch Zack lag ein neues Heft. Es war schon auffällig in seiner Aufmachung: Es war eigentlich kein richtiges Heft – dafür war es zu dick mit einem relativ harten Softcover. Aber auch kein Album – dafür hatte es keinen richtigen Buchrücken. Auch die Größe des Heftes war untypisch.

Das Titelbild versprach mir spannende Geschichten über einen maskierten Gangsterjäger. Mal was anderes als ein typischer SupermanBatman oder den Helden des Marvel-Universums…?

Ich war neugierig, was sich hinter dem Titelbild für eine Welt auftat? Was das für ein Typ war? Dieser Spirit…

 

Ups! Was war das? Ein Fehldruck? Als ich die erste Seite aufschlug, standen die Bilder auf dem Kopf. Irritation. Was soll das denn. Ich drehte das Heft in meinen Händen. Des Rätsels Lösung: Der Umschlag bestand vorne wie auch hinten aus dem gleichen Titelbild. Nur das hintere stand halt auf dem Kopf. Nun war ich wirklich neugierig geworden…

 

Gleich die erste Geschichte zog mich in den Bann: „Das Killer-Jubileum“. Die Comic-Sprache mit einer nie dagewesenen Bildgewalt. Das war künstlerisch so anders. So toll. So filmisch!

Genau. Das war es. Es war wie ein in Bilder gegossener Film.  Ich verschlang die erste Story. Sie war auf sieben Seiten angelegt. Spannend und rasant in ihrer Erzählweise. Die Zweite („Wer ist Spirit“) zeigte, wie Denny Colt -ein Polizist- zum Spirit wurde. Ein paar Charaktere mehr rückten in die Szenen. Zum einen war da der etwas ältere knorrige Kommissar Dolan mit seiner Tochter Ellen und natürlich, zum anderen, der fiese Dr. Cobra.

 

Danach wurde ich über den Wohnort des Helden Spirit informiert. Er hat seinen Sitz unter einem Friedhof. Dem Wildwood-Friedhof. Sehr ungewöhnlich. Aber war eine ‚Bat-Höhle‘ oder die ‚Festung der Einsamkeit‘ wirklich so viel anders?

 

Und schon das Titelbild der nächsten Story war eine Augenweide. Eine auf den Spirit gerichtet Waffe in einer behandschuhten Hand – aus dem Blickwinkel des Lesers. Drei markante Streifen sind auf dem Handschuh zu erkennen. Der überraschte Blick des Spirit auf mich gerichtet. Wow! Es war die Hand des Octupus, die die Waffe hielt. Ein weiterer Bösewicht. Das Wort ‚Spirit‘ kunstvoll in Steinen aufgetürmt im Hintergrund. Die Geschichte beschäftigt sich damit, wie dieser Octupus böse wurde und zu einem Gegner des Spirits heranreifte.

 

Eine Seite wurde dem Zeichner gewidmet: Will Eisner. Auch das war ungewöhnlich. Klar man kannte Zeichner wie Herge und Uderzo. Aber in einem Comic dem Zeichner eine Seite zu widmen, war bemerkenswert. Ich habe sicherlich auch gelesen, wann die Comicgeschichten geschrieben und gezeichnet wurden, doch trübte es auf keinen Fall den Lesegenuss. Denn dieser Comic hatte ihren Ursprung in den Anfängen der 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Dennoch waren die Geschichten in Ihrer Erzählstruktur überragend. Die künstlerische Umsetzung für mich bis dato unübertroffen. Immer schnell auf den Punkt kommend. Waren alle halt nur auf sieben Seiten komprimiert.

 

„Der Gefangene von Donjon“ folgte. Hier merkte ich schon, dass der Spirit nur den roten Faden für diese skurrile Geschichte bildete. Ein vergessener Gefangener wird beim Abriss des Gefängnisses entdeckt, der partout nicht in Freiheit sein möchte. Hier wird wieder auf sieben Seiten in einer spannenden Bilderfolge über dessen Unschuld und die Gründe für seinen Gefängnisaufenthalt erzählt. Die damals dafür verantwortlichen Personen werden von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Das ganze endet natürlich in einem überraschenden augenzwinkernden Ende.

 

Eine meiner Lieblingsseiten ist dann das Interview zwischen pfeifenrauchendem Schöpfer (Will Eisner) und seinem Geschöpf (Spirit).

Und schon die nächste Seite eröffnet den nächsten kuriosen Fall:  „Die Fuchsjagd“.  Reynard macht ein Experiment mit sich Selbst. Bisher als normal geltender Mensch möchte er erforschen, wie ein Massenmörder unter Stress sich verhalten wird. Er wird gejagt von den Jägern. Der Bösewicht von der Polizei. In Analogie wie bei einer Fuchsjagd. Der Spirit versucht Reynard zu fassen, während Kommissar Dolan das Haus stürmen will. Als Leser fiebert man regelrecht mit, ob das dem Spirit gelingen wird…?

 

Als nächstes kommt wieder ein Interview. Diesmal nicht nur sehr sachlich, sondern auch überaus interessant. Will Eisner war damals (und auch heute noch) eine sehr gefragte Persönlichkeit in der Welt der Comics. Er erzählt, wie zwei junge Zeichner für ihren Comic bei ihm Rat suchten. Er erteilte beiden eine Abfuhr, weil Ihr Stil noch nicht ausgereift sei… Es waren die Herren Siegel und Schuster. Und es handelte sich dabei um die erste Geschichte von Superman…

 

Ein bisschen ekelig wird es dann mit „Das Geheimnis der Unterwelt“. Der Spirit auf der Jagd durch die Unterwelt von Central City. Ein zweites Universum direkt unter der Metropole. Mit eigenen Gesetzen und einer dort angepassten Bevölkerung. Fast alle sind totgeglaubte Verbrecher, die hier ein zweites unwürdiges Leben in Freiheit führen.

 

„Hundstag“ zeigt einen verletzten Spirit mitten in der Stadt. In einer Seitengasse liegend. Von niemand bemerkt, während um Ihn herum der normale amerikanische Alltag abläuft. Und das noch am heißesten Tag der letzten Jahre.

Die letzte Story spielt im Krankenhaus. „Ruhe bitte“. Gangster wollen den verletzten Spirit das Licht ausblasen. Hier wird auch das erste Mal dem Leser die Beziehung zwischen Ellen, der Tochter vom Kommissar Dolan, und dem Spirit angedeutet.

 

Zum Schluss gibt es noch eine Seite, die den Background des Spirits näher bringt. Also ein bisschen Lobhudelei. Ich war damals begeistert…

4,50 DM waren sehr viel Geld. So teuer wie ein Walt Disney Taschenbuch. Und das Heft war für mich so wertvoll, dass ich es kurz nach dem Kauf in eine durchsichtige selbstklebende Schutzfolie eingeschlagen habe. Jahrelang habe ich auf den Band 2 gewartet… 1978…1979…1980…

 

…2011…212…1013… Ich habe noch immer dieses Heft. Nach 36 Jahren hat meine Begeisterung nicht nachgelassen. Das Heft steht noch immer in meinem Regal. Und es wurde schon vor mehr als einem Jahrzehnt von mir eingescannt. Erst viel später wurde mir die Zusammenstellung der ausgewählten Geschichten richtig bewusst. Denn in dieser Komposition glaubte ich an eine zusammenhängende aufeinanderfolgende Abfolge der Storys. Doch weit gefehlt… Diese Einzelgeschichten wurden neu zusammengestellt … aber sehr geschickt.

 

Lange habe ich darauf warten müssen, mehr vom Spirit lesen zu können. Seit dem Jahr 2000  erschienen in chronologischer Reihenfolge die Abenteuer vom Spirit. Mittlerweile habe ich alle bisher erschienen Spirit-Archive (aktuell Band 19). 

 

49,00 Euro sind viel Geld. Dennoch: Mein Dank geht an den SALLECK PUBLICATIONS - Eckart Schott Verlag für viele vergnügliche Stunden Lesefreude.

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